Was Bildung im Zeitalter der KI leisten muss
Über Charakterbildung und die Frage, wer Gelegenheit bekommt, etwas zu verändern.
Künstliche Intelligenz kann Erklärungen liefern, Argumente formulieren und Projekte entwerfen. Menschen müssen entscheiden, welche Ziele sie verfolgen und welche Verantwortung sie übernehmen. Bildung sollte junge Menschen befähigen, diese Entscheidungen begründet und gemeinsam mit anderen zu treffen. Ob sie dafür echte Gelegenheiten bekommen, ist auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.
Wer an der Escuela N° 25 im argentinischen Patagonien einen Baum aussät, wird ihn möglicherweise nicht selbst im Wald pflanzen. Dazwischen liegen Jahre der Pflege. Eine Gruppe beginnt eine Arbeit, die andere später fortführen.
Seit 2006 betreibt die Schule in Villa Futalaufquen eine Baumschule mit heimischen Arten. Ausgangspunkt war ein Waldbrand und die Frage der Kinder, wie sie zur Erholung des Waldes beitragen könnten. Wie Infobae berichtet, wurden seither mehr als 32.000 Bäume im Nationalpark Los Alerces gepflanzt. Die derzeit 38 Kinder und Jugendlichen wirken daran mit. Sie lernen, Arten zu unterscheiden, Keimraten zu berechnen und Kosten zu kalkulieren. Zugleich hängt der Fortgang des Projekts davon ab, dass Menschen über Jahre verlässlich zusammenarbeiten.
An dieser Aufgabe lässt sich eine Bildungsfrage stellen, die durch KI neue Dringlichkeit erhält: Was sollen junge Menschen selbst lernen und erfahren, wenn Maschinen immer mehr Ergebnisse für sie erzeugen können?
Eine KI kann einen Pflanzplan vorschlagen und erklären, welche Bedingungen ein Setzling braucht. Wer einen solchen Plan beurteilen will, benötigt eigenes Wissen. Wer ihn umsetzt, muss außerdem mit anderen entscheiden, Aufgaben verteilen und auf Schwierigkeiten reagieren. Die Verfügbarkeit einer Antwort nimmt den Beteiligten diese Verantwortung nicht ab.
Deshalb greift eine Bildungsdebatte zu kurz, die sich darauf beschränkt, wann und wie KI im Unterricht verwendet werden soll. Ebenso wichtig ist die Frage, wozu junge Menschen ihre wachsenden Fähigkeiten einsetzen können. Bekommen sie Gelegenheit, Probleme selbst zu untersuchen? Dürfen sie Entscheidungen treffen, deren Folgen über eine Note hinausreichen? Erfahren sie, dass ihr Beitrag für andere von Bedeutung ist?
Wissen bleibt dafür grundlegend. Wer einen Missstand verändern will, muss Zusammenhänge verstehen, Aussagen prüfen und mögliche Folgen abschätzen können. Lesen, Schreiben und Rechnen eröffnen Zugänge zur Welt und ermöglichen ein eigenständiges Urteil. Eine fertige Antwort zu erhalten, ersetzt diesen Prozess nicht. Gerade deshalb sollte Bildung Wissen mit Gelegenheiten verbinden, es verantwortlich einzusetzen.
Darin liegt auch ein Auftrag zur Charakterbildung. Gemeint ist die Entwicklung von Ehrlichkeit, Gerechtigkeitssinn, Fürsorge und Verlässlichkeit: Eigenschaften, die sich daran zeigen, wie Menschen mit anderen umgehen, besonders wenn es schwierig wird. Einen Fehler einzugestehen, obwohl man Anerkennung verlieren könnte. Eine Aufgabe weiterzuführen, wenn die erste Begeisterung nachlässt. Einer Entscheidung zu widersprechen, von der die eigene Gruppe profitiert, die andere aber benachteiligt.
Solche Fähigkeiten wachsen durch Übung, an Vorbildern und durch das Nachdenken über eigene Erfahrungen. Dabei kann die eigene Entwicklung eng mit einem Beitrag zum Zusammenleben verbunden sein. Wer sich mit anderen für eine Aufgabe einsetzt, lernt die eigenen Fähigkeiten und Grenzen kennen. Zugleich entsteht etwas, das über den persönlichen Lernerfolg hinaus Bedeutung hat.
Gute Absichten allein reichen dafür allerdings nicht aus. Auch ein gut gemeintes Projekt kann an den Wünschen der Menschen vorbeigehen, denen es zugutekommen soll. Wer beispielsweise einen Spielenachmittag für jüngere Kinder organisieren möchte, müsste zunächst mit ihnen und ihren Familien sprechen. Was wünschen sie sich? Welche bestehenden Angebote nutzen sie? Woran möchten sie selbst mitwirken? Fürsorge verlangt, anderen zuzuhören und die eigene Vorstellung von einer guten Lösung überprüfen zu lassen.
Dabei bringen Kinder bereits unterschiedliche Erfahrungen mit Verantwortung mit. Wer jüngere Geschwister betreut, Angehörige unterstützt oder in der Nachbarschaft hilft, kann viel über Verlässlichkeit und Fürsorge wissen. Schule sollte diese Erfahrungen wahrnehmen und daran anknüpfen. Sie sollte zugleich neue Handlungsmöglichkeiten erschließen: gemeinsam ein Anliegen formulieren, eine öffentliche Entscheidung hinterfragen oder Unterstützung für ein Vorhaben gewinnen.
Ein pädagogischer Ansatz dafür ist Lernen durch Engagement, international als Service Learning bekannt. Er verbindet Aufgaben im gesellschaftlichen Umfeld mit fachlichem Lernen und gemeinsamer Reflexion. Entscheidend ist, dass die Beteiligten sowohl an der Aufgabe als auch an ihren Erfahrungen arbeiten: Welche Annahmen hatten wir? Wessen Sicht haben wir übersehen? Was hat unser Handeln bewirkt? Was müssten wir verändern?
Für Service Learning gibt es wissenschaftliche Befunde. Eine Metaanalyse von 2011 mit 62 Studien und 11.837 Teilnehmenden fand gegenüber Kontrollgruppen positive Effekte auf Einstellungen zu sich selbst und zum Lernen, auf bürgerschaftliches Engagement, soziale Kompetenzen und schulische Leistungen. Merkmale wie die Verbindung zum Unterricht, Mitsprache und Reflexion waren mit besseren Ergebnissen verbunden. Das spricht für sorgfältig gestaltete Lerngelegenheiten. Ein pauschaler Nachweis dauerhafter Charakterentwicklung oder der Wirksamkeit jedes Engagementprogramms ist es nicht.
Auch außerhalb von Schulen gibt es Ansätze, die moralische Fragen mit gemeinsamem Handeln verbinden. Im Bahá’í-inspirierten Junior Youth Spiritual Empowerment Programme, das jungen Menschen unterschiedlicher religiöser und nichtreligiöser Hintergründe offensteht, treffen sich 12- bis 15-Jährige regelmäßig in kleinen Gruppen. Begleitet von Freiwilligen setzen sie sich mit Geschichten und Fragen des Zusammenlebens auseinander und entwickeln Projekte für ihre Nachbarschaft. Der Ansatz richtet den Blick auf die Verbindung zwischen persönlicher Entwicklung und dem Beitrag, den junge Menschen für andere leisten können.
In Österreich verankert der FREI DAY solche Erfahrungen im regulären Stundenplan. Schüler*innen arbeiten ein Schuljahr lang jede Woche vier Unterrichtsstunden an selbst gewählten Projekten zu Zukunftsfragen und setzen sie in der Schule, in der Nachbarschaft oder in ihrer Gemeinde um. Lehrkräfte begleiten, statt anzuleiten. Für 2024 nennt der Verein FREI DAY Österreich 35 Pionierschulen aller Schultypen. In Oberösterreich besteht außerdem seit 2020 ein Schulnetzwerk Lernen durch Engagement mit zehn Schulen und der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Der feste Zeitrahmen macht Engagement zu einem Teil des Unterrichts für alle Kinder einer Klasse, statt es freiwilligen Zusatzangeboten zu überlassen.
Für Schulen liegt die Herausforderung darin, solche Erfahrungen im Alltag zu verankern. Ein einzelner Projekttag kann einen Anfang machen. Verlässlichkeit lässt sich aber erst erfahren, wenn eine Aufgabe auch in der nächsten Woche noch besteht. Mitsprache wird bedeutsam, wenn Kinder tatsächlich zwischen Möglichkeiten entscheiden dürfen und Erwachsene bereit sind, ihre Entscheidungen ernst zu nehmen.
Dafür braucht es mehr als engagierte Einzelpersonen. Schulen benötigen Zeit für Zusammenarbeit, verlässliche Partner und Mittel, die Beteiligung unabhängig von privaten Beiträgen ermöglichen. Lehrkräfte brauchen Unterstützung dabei, fachliches Lernen und gemeinsame Vorhaben zu verbinden. Kinder dürfen dabei Fehler machen und Projekte verändern oder begründet beenden. Verantwortung zu lernen heißt auch, die Grenzen des eigenen Handelns zu erkennen. Junge Menschen sollen weder fehlende öffentliche Leistungen ersetzen noch für Probleme zuständig gemacht werden, die Erwachsene ihnen überlassen.
Ebenso entscheidend ist der gewöhnliche Schulalltag. Wie werden Konflikte bearbeitet? Wer wird gehört? Erklären Erwachsene ihre Entscheidungen und gestehen sie eigene Fehler ein? Eine Schule, die Gerechtigkeit vermitteln möchte, muss ihre eigenen Regeln dafür zur Diskussion stellen können. Charakterbildung geschieht auch dort, wo Kinder erleben, wie mit ihnen und mit anderen umgegangen wird.
KI kann bei vielen dieser Aufgaben helfen: Informationen erschließen, Ideen prüfen oder unterschiedliche Lösungswege sichtbar machen. Welche Bedürfnisse berücksichtigt werden, welche Ziele eine Gruppe verfolgt und wofür ihre Mitglieder einstehen, müssen die Beteiligten miteinander klären. Dazu brauchen sie Wissen, Urteilskraft und die Bereitschaft, ihr Handeln an seinen Folgen zu messen.
Bildungsgerechtigkeit umfasst deshalb auch den Zugang zu Erfahrungen, in denen junge Menschen als denkende, entscheidende und beitragende Menschen ernst genommen werden. Schule kann dafür einen verlässlichen Rahmen schaffen. Jedes Kind sollte Gelegenheit bekommen, gemeinsam mit anderen etwas zu verstehen, eine begründete Entscheidung zu treffen und zu erleben, dass der eigene Beitrag zählt.